Bewahrer des Glaubens und der Sprache ihrer Vorfahren
Wussten Sie, dass sich die älteste reformierte Kirche Österreichs in einer ungarischen Gemeinde befindet? Das überrascht vielleicht nicht, denn unsere Vorfahren errichteten über Jahrhunderte hinweg Kirchen im gesamten Karpatenbecken, von denen viele bis heute erhalten geblieben sind. Dieses Mal nehme ich die geschätzten Leser mit nach Oberwart, wo sie eine Kirche kennenlernen können, die zwischen 1771 und 1773 erbaut wurde.
Vor einigen Tagen besuchte ich Oberwart zum ersten Mal in meinem Leben. Die erste Bevölkerung der in der Ära der ungarischen Landnahme gegründeten Grenzlandessiedlung war szeklerischer Herkunft. Es war für mich eine Freude, gleich nach dem Aussteigen aus dem Auto zwei Jugendliche auf Ungarisch miteinander sprechen zu hören. Kurz darauf vernahm ich jedoch auch deutsche und kroatische Worte. In der Stadt, die nur wenig größer als Trestenburg ist, leben nämlich mehrere Volksgruppen zusammen.
Während eines kurzen Spaziergangs durch das Stadtzentrum sehen wir sofort die römisch-katholische Kirche, die evangelische Kirche und die reformierte Kirche sowie das Kriegerdenkmal im zentralen Park. Auf dem Denkmal sind in langen Reihen die Namen all jener eingraviert, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg ihr Leben für ihre Heimat geopfert haben.
Als wir die reformierte Kirche erreichen, beginnt gerade eine Gemeindeveranstaltung. Eine Dame begrüßt uns freundlich. Man fühlt sich sofort zu Hause – so wie überall dort, wo Reformierte leben. Zunächst bewundern wir das imposante Kirchengebäude von außen. Für mich ungewöhnlich sind die Fenster auf zwei Ebenen sowie die Sonnenuhr am Turm. Zuerst entdecke ich nur den Teil der Sonnenuhr an der Westseite des Turmes, später bemerke ich, dass sie sich auf der Südseite fortsetzt. So etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. Eine wirklich interessante Lösung.
Wie die reformierten Kirchen in Großkarol liegt auch diese Kirche nicht unmittelbar an der Hauptstraße. Vielmehr verbirgt sie sich hinter einigen Häusern. Erst von der Rückseite aus lässt sich das Gotteshaus in seiner ganzen Pracht bewundern. Die Umgebung ist gepflegt, und die roten Geranien auf der Veranda des alten Pfarrhauses bieten einen wunderschönen Anblick.
Seit dem Jahr 1550 besteht in Oberwart ununterbrochen eine reformierte Gemeinde. Sie ist die älteste protestantische Kirchengemeinde Österreichs. Während der Gegenreformation blieb die Gemeinde ihrem Glauben treu. Im Jahr 1921 wurde die Ortschaft Österreich angeschlossen, und 1923 trat die reformierte Gemeinde der Evangelischen Kirche H.B. in Österreich bei. Heute ist die reformierte Gemeinde Oberwart die östlichste reformierte Kirchengemeinde Österreichs.
Die reformierte Kirche ist das einzige protestantische Gotteshaus Österreichs, das noch vor dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II. errichtet wurde. Kaiserin Maria Theresia genehmigte zwar den Bau der Kirche, doch der Bau eines Turmes war damals noch nicht erlaubt. Das Gotteshaus wurde zwischen 1770 und 1772 erbaut und am 10. Januar 1773 feierlich eingeweiht. Im Jahr 2023 feierte die Kirche somit ihr 250-jähriges Bestehen.
Der Baumeister war Christoph Preising. Im Jahr 1810 wurde der Kirchturm errichtet. Bereits 1811 erhielt der Turm eine Uhr. Im Jahr 1856 wurde die Kanzel in ihre heutige Form umgestaltet. 1907 entfernte man den Doppeladler von der Turmspitze. Heute sind der vergoldete Stern auf der Spitze des Turmes und die Sonnenuhr die besonderen Wahrzeichen der Kirche.
Von der Kanzel dieser Kirche wird jedes Wochenende Gottes Wort verkündigt – an einem Sonntag auf Ungarisch, am darauffolgenden auf Deutsch. Die Gemeinde ist lebendig und organisiert regelmäßig verschiedene Veranstaltungen. Die drei historischen Konfessionen des Ortes geben gemeinsam eine Zeitschrift heraus, in der die aktuellen Nachrichten der reformierten, römisch-katholischen und evangelischen Gemeinden veröffentlicht werden.
Da wir die Stadt an einem Werktag besuchen, haben wir leider nicht die Gelegenheit, an einem Gottesdienst der Gemeinde teilzunehmen. So können wir weder gemeinsam Gottes Wort hören noch den Herrn mit Liedern loben. Dennoch war es ein prägendes Erlebnis zu sehen und zu spüren, dass es nicht nur östlich von Ungarn, sondern auch westlich davon Menschen gibt, die den Glauben und die Sprache ihrer Vorfahren bis heute bewahrt haben.
Sebestyén Elek Előd